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Brad Lubman: „Es muss ja nicht immer Thunfischsalat sein…“

Posted: 31. Juli 2017

Er ist einer der gefragtesten Dirigenten für zeitgenössische Musik, in Grafenegg steht nun zum ersten Mal das kompositorische Schaffen des US-Amerikaners Brad Lubman im Fokus. Drei seiner Werke erleben in Grafenegg ihre Uraufführung. Parallel dazu leitet Brad Lubman den Composer-Conductor Workshop INK STILL WET und dirigiert am Pult des Tonkünstler-Orchester Niederösterreich Werke von Gustav Mahler und Johannes Brahms, die ihn beide sehr geprägt haben. Brad Lubman im Interview.

Wie kam es, dass Sie sich entschieden, hauptberuflich Dirigent zu werden und das Komponieren eher als Nebenbeschäftigung auszuleben?
Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr genau erinnern, warum das Dirigieren immer die Hauptrolle gespielt hat. Ich hatte immer diesen Antrieb, der durch die Musik kam. Durch sie bekam ich Ideen, entdeckte neue Dinge und wollte diese mit anderen teilen. Nach dem Studium arbeitete ich zunächst als freischaffender Schlagzeuger. Dann kam das Dirigieren Neuer Musik bei verschiedenen Ensembles in New York hinzu und plötzlich war ich mittendrin. Aber gleichzeitig habe ich immer auch komponiert, nebenher sozusagen. Ich schätze, ich sehe mich selbst hauptsächlich als komponierenden Dirigenten, aber das Komponieren ist für mich ein ernsthafter Teil meines Lebens und begleitet mich ständig.

 

 


Das heißt, Sie tragen stets musikalische Ideen im Kopf mit sich herum?
Es wäre interessant zu wissen, woher diese musikalischen Ideen kommen. Vielleicht von einem bestimmten Gemütszustand? Häufig entstehen Ideen während Probenphasen, während ich  die Musik anderer Komponisten höre. Ich probiere dann einfach etwas aus und schreibe es nieder, mache Skizzen. Es gab auch eine Phase, da dachte ich daran, mit dem Komponieren aufzu­hören, das war Anfang der 1990er-Jahre. Mir fiel nichts ein und ich hatte das Gefühl, ich würde nur andere Komponisten in meiner Musik imitieren. Zwei Jahre lang komponierte ich daher gar nichts und hörte stattdessen viel Musik von Komponisten, die ich noch nicht kannte. Ich wandte mich Dingen zu, die nichts mit Musik zu tun hatten: Ich las Werke von John Cage und ­Samuel Beckett, schaute Kunstfilme an. Und nach dieser zweijährigen Krise hatte ich den unaufhaltsamen Drang, wieder zu komponieren. Anscheinend habe ich ein angeborenes Bedürfnis, etwas zu kreieren.

Was ist für Sie das Faszinierende an Musik?
Als Komponist wurde ich — neben vielen anderen — besonders von Elliot Carter, Pierre Boulez, Morton Feldman und Steve Reich beeinflusst. In meinen ­eigenen Werken der letzten Jahre habe ich immer nach einem nicht narrativen Ansatz, einer surrealistischen Form und nach inkongruenten Drehungen und Wendungen gesucht. Allgemein bin ich sehr interessiert an Struktur und Logik, die man zum ­Beispiel in den Werken von Bach und Webern, von Boulez  und Carter findet, aber auch an Musik, die eine mysteriöse und emotionale Seite hat wie bei Mahler, Schubert und Debussy. ­Darüber hinaus faszinieren mich Farben im Leben und im Design und Klangfarben, wie man sie in den Werken von sogenannten spektralen Komponisten wie Gérard Grisey und Georg Friedrich  Haas hört, obwohl Letzterer sich selbst nicht als solchen bezeichnen würde.

 

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Welche Rolle spielt die Neue Musik heute im Allgemeinen in den Konzertsälen und in den Köpfen der Menschen? Neue Musik sollte eine andere Rolle spielen als sie es tut. Für viele ist sie immer noch diese merkwürdige Art von Musik. ­Stellen Sie sich vor, Sie würden tagein, tagaus immer nur Thunfischsalat essen. Das wäre schrecklich, Sie würden die italienische oder ­indische Küche nie kennenlernen. So ähnlich verhält es sich mit Musik. Das Standardrepertoire ist toll und erhebend, aber wenn Sie nur das kennen würden, wären Sie doch sehr eingeschränkt, obwohl es noch so viel zu entdecken gäbe. Vielleicht mögen Sie die Neue Musik am Anfang nicht, aber vielleicht entdecken Sie etwas, von dem Sie vorher noch nichts wussten. Die Rolle der Neuen Musik sollte sein, die Weltoffenheit der Menschen zu bewahren. Denn wenn man offen ist für neue Musik, neue Kunst und Kunstformen, wird man auch offen gegenüber Menschen sein, egal aus welchem kulturellen Hintergrund sie stammen.

Auszugsweise Wiedergabe eines Gesprächs, das  Sarah Laila Standke für das Magazin „morgen“ mit Brad Lubman geführt hat.

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