Gedanken zu „Reflections“ und Grafenegg

Posted: 20. September 2017

von Brad Lubman, Grafenegg Composer in Residence 2017

Es ist nun schon eine Weile her, seit ich das Tonkünstler-Orchester beim Grafenegg Festival mit der Uraufführung meiner „Reflections“, den Rückert-Liedern von Mahler und der Ersten Symphonie von Brahms dirigierte. Es war mir eine besondere Freude, mit dem Tonkünstler-Orchester zusammen zu arbeiten, denn es ist ein wundervolles Orchester mit großem Verständnis für sowohl neue als auch ältere Musik. Während der zweieinhalb Wochen, die ich in Grafenegg verbrachte, fühlte ich mich wie an einem magischen Ort, an dem große und Musiker mit wunderbarer Musik im Einklang sind. Im Kontext der großen Werke der Vergangenheit erfährt hier auch Neue Musik große Unterstützung. Mit einem Composer in Residence-Programm sowie dem Composer-Conductor Workshop Ink Still Wet, den ich 2017 leiten durfte, macht sich Grafenegg für die Musik der Gegenwart stark und denkt gleichzeitig über die Zukunft der Musik nach. Meine Grafenegg-Erfahrung begann, als ich im vergangenen Mai bei der European Chamber Music Academy (ECMA) Kammermusik unterrichtete.

Ich hatte das große Vergnügen, die Uraufführung meines Streichquartetts „Fleeting Moments“ mit dem Simply Quartet zu erleben, einem hervorragenden jungen Streichquartett. Das war mein erster Kontakt mit Grafenegg, und ich war überglücklich und gespannt, im August als Composer in Residence zurückzukehren. Neben meinem Orchesterwerk „Reflections“ wurden in Grafenegg zwei weitere Stücke uraufgeführt: eine Fanfare („Grafenegg Fanfare“), die für das Eröffnungskonzert des Festivals komponiert wurde, und ein Werk für Kammerensemble mit dem Titel „Theater of the Imagination“, das bei einem Prélude Konzert des Friedrich-Lux- Quartetts mit Gästen des Tonkünstler-Orchesters eine phantastische Uraufführung erfuhr. Was könnte sich ein Komponist mehr wünschen, als so großartige Aufführungen mit so wunderbaren und hingebungsvollen Musikerinnen und Musikern!

Was sind also meine Gedanken zu meinem Stück „Reflections“? Es gibt darauf zwei Antworten: eine ist ziemlich kurz, die andere etwas länger und eher autobiographisch. Die kurze Antwort zuerst: Ich war sehr glücklich, dass das Stück genau den Effekt hatte, den ich erhofft hatte. Als Dirigent ist es ein sehr bewegendes und berührendes Erlebnis, mit einem Orchester im klassischen Repertoire ein Maß an Kommunikation und Intensität zu erreichen, das der intensiven und intimen Erfahrung entspricht, die man in der Kammermusik findet. Dass wir bei Mahler und Brahms, die im selben Konzert erklangen, diese Intensität erreichen würden, war zu erhoffen. Es ist aber noch ein ganz anderes Erlebnis, wenn dieser Effekt bei deiner eigenen Musik eintritt. Deshalb berührte es mich zutiefst, wie großartig das Orchester das gesamte Konzert spielte – und vor allem mein Stück, das ganz neu war. Man weiß ja nie, wie ein neues Stück von einem Orchester (oder auch vom Publikum) aufgenommen wird. Ich war sehr froh, dass auch das Publikum mein Stück scheinbar genossen hatte.

Nun meine ausführlicheren und eher autobiographischen Gedanken über „Reflections“: Ich begann mich für klassische Musik, also gewissermaßen „ernste“ Musik zu interessieren und mich damit auseinanderzusetzen, nachdem ich Mahlers Erste Symphonie als Jugendlicher gehört hatte. Bis zu diesem Moment hatte ich mich nur für Jazz und Rock interessiert. Ich war Schlagzeuger und träumte davon, eine Band zu gründen. Mahlers Erste Symphonie änderte dann für mich alles. Von da an wollte ich Orchestermusiker und Dirigent werden. Was ich über Mahler, Strauss, Copland und Strawinsky als Dirigenten und Komponisten las, faszinierte mich sehr. Daher begann ich damals (mit etwa 15 oder 16 Jahren) mich für das Komponieren zu interessieren.

Infolgedessen enthält „Reflections“ meine persönlichen Gedanken zu vielen Jahrzehnten meines eigenen Berufslebens und die Anfänge meiner Zuwendung zur klassischen Musik durch die Musik von Mahler. Mahler sagte, dass eine Symphonie die ganze Welt enthalten sollte, und im kleineren Rahmen versuchte ich, viele Dinge aus meiner eigenen (Gedanken-)Welt in „Reflections“ einzuschließen. Meine Grundidee war, ein Stück zu schreiben, dessen Verlauf seltsam ist, so wie in einem seltsamen Traum nichts einen Sinn ergibt und die Abfolge der Ereignisse unlogisch erscheint. Das Stück beinhaltet genaue Spiegelungen (reflections) von früherem Material, das im Stück bereits verwendet wurde (manchmal genau zitiert, manchmal in anderes Material eingebettet).

Darüber hinaus gibt es einen kurzen Abschnitt in der Mitte des Stücks, der als eine Art Denkmal für Pierre Boulez verstanden werden kann. Er war kurze Zeit, bevor ich mit dem Schreiben des Stücks anfing, gestorben. (Boulez war eine sehr wichtige Figur für mich, und ich hatte das große Glück, zwei Dirigierworkshops bei ihm besucht zu haben). Der letzte Abschnitt des Stücks klingt sehr reflektierend (poetisch, schwebend, verträumt usw.). Ich vermute, dass ich beschloss, das Stück auf diese Weise zu beenden, weil ich über den Begriff von Tradition und Abstammung nachgedacht hatte, und wie dieser mit Kultur und Kunst verbunden ist – vor allem an einem Ort wie Grafenegg. Und weil ich hier eines meiner eigenen Werke neben der Musik von Mahler und Brahms uraufführen würde, versuchte ich, all das zu verbinden, was mich die letzten 30 oder 40 Jahre meines Lebens beschäftigt hat.

 

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