Ernst Krenek über seinen «Diktator»

Posted: 2. Juli 2018

Mit Ernst Kreneks Einakter «Der Diktator» startet am 8. Juli der zweite Sonntag der Grafenegg Academy. Weitere Stationen der expressionistischen Matinee sind zwei kurze Opern von Paul Hindemith auf Libretti von Oskar Kokoschka und August Stramm. Getragen wird die halbszenische Aufführung unter der Leitung von Leon Botstein von einer Riege renommierter Sängerinnen und Sänger. Wir zitieren an dieser Stelle persönliche Anmerkungen Ernst Kreneks zum «Diktator» aus einem Artikel, der in mehreren Zeitschriften erschienen ist.

Von Ernst Krenek

Meine drei Einakter (op. 49, 50 und 55) sind unmittelbar nach «Jonny spielt auf» entstanden, d. h. vom Sommer 1926 bis Sommer 1927.

Der erste heißt «Der Diktator». Unter Diktator verstehe ich hier nicht den Exponenten einer bestimmten politischen Ideologie, sondern einen Typus von Mensch, dessen beherrschende Eigenschaften sich in einer suggestiven Domination über seine Umwelt äußern, darunter auch in politischer Hinsicht, die mich aber in diesem Fall gar nicht interessiert. Dieser Typos, in der Geschichte keineswegs neu, scheint uns heutzutage durch bestimmte Ausprägungen neuerdings nahegelegt zu sein.

Mein Held, Diktator eines kriegsführenden Landes, weilt mit seiner Frau zur Erholung in einem Schweizer Kurhotel oberhalb des Genfer Sees und hat sein auch in erotischen Dingen machtlüsternes Auge auf die hübsche Gattin eines Offiziers desselben Landes geworfen, der in dem benachbarten Sanatorium liegt, durch eine Kriegsblessur zu dauernder Blindheit verurteilt. Die Frau des Offiziers beschließt, den Diktator aus Rache für die Verstümmelung ihres Mannes zu töten. Des Diktators Frau, von bösen Ahnungen erfüllt, bleibt verborgen in seinem Arbeitszimmer, da er die Attentäterin empfängt. Sie wird erst entsetzte, dann empörte Zeugin der Szene, in welcher er, durch seine einfache, suggestive Gewalt, das begehrte Weib des andern nicht nur zwingt, den vorgehaltenen Revolver wegzulegen, sondern auch sich ihm zu ergeben.

Verächtliche Worte, die der Mann über seine Frau äußert, veranlassen diese, mit dem von der anderen weggelegten Revolver ihren Mann aus Eifersucht zu bedrohen. Die umgestimmte Mörderin wirft sich vor den Diktator und stirbt von der beinahe Betrogenen getroffen. Während der Diktator das Geschehnis offiziell für den Selbstmord einer fremden Dame, Motiv: unglückliche Liebe, ausgibt, tastet sich der blinde Offizier, der nur den Schuss gehört hat und das Rachewerk vollbracht glaubt, ins Zimmer, bleibt nichtsahnend einen Schritt vor der Leiche seiner Frau stehen und schreit: «Maria, wo bist du — ich habe Angst – Maria!» — Diese Szene, um derentwillen ich das Stück geschrieben habe, erinnert an «Richard III», I., 2, wo Gloster am Sarg des erschlagenen Schwiegervaters um die Hand der von ihm zur Witwe gemachten Anna wirbt. Die Verschärfung, die bei mir in dem raschen Weg von Mordlust zu Hingabe liegt, wird gefordert und aufgehoben von der raum- und zeitraffenden Gewalt der Musik, die größte Kontraste auf kleinstem Raum verlangt.

Wiedergabe des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Ernst Krenek Instituts

 

SONNTAG, 08. JULI 2018
MATINEE | «NEUE SITTEN, NEUER GESCHMACK: DIE NEUERFINDUNG DER OPER»

GRAFENEGG ACADEMY ORCHESTRA
KONZERTVEREINIGUNG WIENER STAATSOPERNCHOR
CHRISTIANE LIBOR, Sopran
AILE ASSZONYI, Sopran
ELEANOR LYONS, Sopran
IRIS VERMILLION, Alt
DOROTTYA LÁNG
PETER LODAHL, Tenor
ALEXANDER KAIMBACHER, Tenor
DIETRICH HENSCHEL, Bariton
CHRISTOPHER MALTMAN, Bariton
WOLFGANG RESCH, Bariton
WERNER HANAK, Szenische Einrichtung
LEON BOTSTEIN, Dirigent

 

Ernst Krenek:
«Der Diktator» Oper in einem Akt op. 49

Paul Hindemith:
«Mörder, Hoffnung der Frauen» Oper in einem Akt op. 12
«Sancta Susanna» Oper in einem Akt op. 21

 

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