Klimke

Von Liebe und Anarchie – Christoph Klimkes Texte zum „Freischütz“

Posted: 7. August 2017

I

Helllichter Tag. Die Sonne steht hoch über dem leuchtenden Wald. Der Himmel wolkenlos. Warme, samtene Luft. Halali! Die Landleute lieben die Jagd, das Preisschießen und ihre Heimat. Hier sind ihre Wurzeln. Hier haben sie Bestand. Alle sind ausgelassen und essen und trinken. Nur Max hat heute Pech. Eigentlich ist der Jagdgeselle ein guter Schütze und jeder Schuss ein Treffer. Doch dieses Mal gewinnt Bauer Kilian. Alle lassen den Schützenkönig vor der Waldschenke hoch leben und machen sich über den Verlierer lustig. Das ist mehr als nur eine Niederlage und Schmach für Max, schließlich hängt die eigene Zukunft an seiner Treffsicherheit. Heute geht es um nicht weniger als seine Existenz, um sein ganzes Glück. Max ist verunsichert. Er hat doch sonst immer getroffen. Was ist nur los mit ihm! Er muss wieder zu sich kommen, denn seine Liebste vertraut ganz auf ihn. Und wem soll Max vertrauen, wenn nicht sich selbst!

 

 

II

Langsam versinkt die Sonne hinter den Baumkronen. Noch ist das Fest im vollen Gange. Nur einem ist nicht zum Feiern zu Mute. Unglücklicher Max! Erst lachen alle über ihn, dann stellt Kilian den Jagdburschen auch noch vor seinem Vorgesetzten, dem Erbförster Kuno, bloß! Wie peinlich! Max muss gestehen: „Ich kanns nicht leugnen. Ich habe nie getroffen.“

Dabei geht es morgen um alles. Nur wenn Max trifft, gewinnt er das Anrecht auf die Erbförsterei, aber vor allem seine Geliebte Agathe zur Ehefrau. Vielleicht kann ja die sagenumwobene Freikugel, die von ungeheuren Mächten gelenkt wird und ihr Ziel nie verfehlt, helfen. Eine solche Teufelskugel wäre für Max die sichere Rettung. Oder ist dies alles nur Aberglauben, Hexerei und reinster Humbug?

So oder so, die Ordnung muss bewahrt werden. Kuno bleibt dabei: Nach gutem alten Brauch soll der Aspirant sich durch einen Probeschuss vor dem Landesherren beweisen. Trifft Max nicht, sind Erbe, Ehre und vor allem seine Liebe auf immer verloren. Kuno wird vor Sonnenaufgang auf ihn warten. Dann muss Max sich beweisen. Glück oder Unglück: Morgen geht es um alles oder nichts.

III

„Wer Gott vertraut, baut gut“, weiß Kuno. Da ist er sich ganz sicher. Schließlich war es immer so. Doch plötzlich ist alles anders. Können und Sicherheit, Glaube und Vertrauen sind dahin. Max fürchtet unsichtbare Mächte. Wie alles Unbekannte machen sie ihm Angst. Wird er Agathe verlieren? Er könnte es nicht ertragen, schließlich kann er nur mit ihr glücklich sein. Für ihre Zukunft würde er alles auf eine Karte setzen. Vielleicht kann ja Kaspar, Jagdgeselle wie Max, ihm beim Probeschießen beistehen.

Aber jetzt erst einmal hinein in den Schenkgiebel! Alle wollen trinken und tanzen und Max Mut machen. Keine Sorge! Die Jagd führt zum Sieg, und der Mensch herrscht über die Natur, da sind sich die Männer sicher. Und die Jäger sowieso. Alle tanzen und trinken, bis sie nach und nach Max allein lassen. Es wird kalt. Die Dunkelheit bricht ein. Die Schatten wachsen.

 

 

IV

Der Wald, eben noch voller Leben, nun ganz finster und still. Max ist verunsichert: „Nein, länger trag ich nicht die Qualen, die Angst, die jede Hoffnung raubt.“ Schenkte Agathe ihm bislang sein Lebensglück, fühlt er sich jetzt zwischen Wollen und Können, Zufall und Schicksal, schutzlos und allein. Er verliert die Orientierung und Beherrschung. Er verliert sich. Die Welt scheint ihm aus den Fugen. Und die Angst macht ihn blind und taub? Max sieht in Kaspar den Verbündeten und hört auf dessen Lügen: „Ich kanns nicht verschmerzen, dass du zum Gespött der Bauern geworden bist“, heuchelt der seinem geschwächten Rivalen ins Gesicht. Dabei geht es Kaspar allein um Rache, hat Agathe ihn doch verlassen. Er schmiedet einen tödlichen Plan und will hierfür einen Pakt mit dem Teufel Samiel schließen. Nie im Leben wird Max morgen treffen. Agathe und er, beide müssen geopfert werden. Kaspar ist wild entschlossen: Jetzt oder nie.

V

Alles stumm und starr. Kein Wind. Nichts bewegt sich. Die Wipfel berühren kaum den Nachthimmel. Fahles Mondlicht. Kaspar reicht Max die Flasche, aber Max will nicht mit ihm trinken und auch nicht mit ihm auf Agathes Wohl anstoßen. Ahnt er etwas von Kaspars Rache-Plan, schließlich weiß er in ihm ja seinen Rivalen?

Kaspar leiht Max sein Gewehr. Er soll den größten Steinadler erlegen und so wieder Mut schöpfen. Und Vertrauen. Max schießt und trifft. Voller Zuversicht willigt er ein. Wie von Kaspar vorgeschlagen, wollen die beiden Kugeln für den nächsten Tag gießen. Mit der verhexten Freikugel wird Max ganz sicher treffen und Agathe für immer gewinnen. Für sie will er alles, sogar solchen Lug und Trug, riskieren.

Max verspricht seinem falschen Freund, um Mitternacht in der Wolfsschlucht zu sein: „Bei Agathes Leben. Ich komme.“ Die Teufelsschlucht, mitten im Wald, erwartet die beiden.

VI

Im Forsthaus geht das Leben seinen gewohnten Gang. In den hellen und warmen Räumen fühlt Agathe sich wohl. Hier ist sie aufgewachsen. Hier will sie mit ihrem Max leben. Hier ist ihrer beider Zukunft. Nichts ahnend von den Plänen der beiden Männer näht sie an ihrem Brautkleid, während ihre Freundin Ännchen das Porträt von Agathes Urgroßvater aufzuhängen versucht. Da fällt plötzlich das Bild herunter. Einfach so. Unerklärlich. Unheimlich. Ein schlechtes Omen.

Ännchen nimmt es wie alles leicht, nur Agathe wird es mit einem mal schwer ums Herz: Kann sie sich ihres Glückes wirklich sicher sein und: Wo bleibt Max? Warum lässt er sie warten? Ännchen aber mag nicht grübeln. Was solls. Sie schwärmt lieber vom Leben, von der Liebe und von den jungen Männern sowieso.

VII

„Und der Bursch nicht minder schön,“ schwärmt Ännchen und natürlich schwärmt sie auch für Max! Zu gerne würde sie selbst bald einen Brautkranz tragen. Doch ihre Freundin plagen im Moment andere Sorgen. Der Eremit hat Agathe weiße Rosen geschenkt. Sie sollen sie vor einem drohenden Unheil bewahren. Was kann er damit gemeint haben? Etwa das herabstürzende Bild? Was hat sie zu befürchten – und das so kurz vor der Hochzeit? Ännchen weiß natürlich Rat: Furcht hin oder her, man muss die Furcht einfach fliehen und schon ist sie nicht mehr da. So einfach ist das.

Aber Agathe packt zum ersten Mal die pure Angst. Alles ist auf einmal anders. Zukunft und Glück, eben noch sicher geglaubt, scheinen nun flüchtig. Was ist mit ihr? Was kann sie tun? Agathe will jetzt lieber allein sein und auf ihren Max warten. Gleich muss er kommen. Sie hört auf ihr umschattetes Herz. Es ist Nacht. Über dem Wald der Himmel ganz schwarz.

VIII

„Welch schöne Nacht!“ Agathe atmet auf. Die dunklen Wolken sind fort, das Mondlicht vertreibt ihre düsteren Gedanken. Nur Mut. Morgen muss alles gelingen. Max wird treffen, er ist und bleibt ein guter Schütze. Agathe betet für ihr beider Wohl. Auch die Himmelsmächte werden ihr beistehen.

Da stürmt Max herein und präsentiert zum Beweis für sein Können seiner Braut stolz den von ihm geschossenen Raubvogel. Von Kaspar erzählt sie nichts. Die ganze Wahrheit muss sie ja nicht wissen. Wie auch immer: Hauptsache er gewinnt das Preisschießen. Doch Agathe kann sich nicht so richtig mit ihm freuen. Die Angst hält sie zu sehr gefangen. Sie fürchtet mehr und mehr, Max zu verlieren. Oder wird er sie verlieren? Muss sie morgen sterben, wenn er nicht trifft? Wer lenkt ihr Schicksal, wer ihr Glück?

Mitternacht naht. Max will in die Wolfsschlucht. Sein Wort gilt. Er wird mit Kaspar die Kugeln gießen. Selbst Agathes Befürchtungen können ihn nicht aufhalten. Das Schicksal reißt ihn fort. Er muss in die Finsternis. In die Schreckensschlucht. Jetzt.

 

 

IX

Mitternacht in der Wolfsschlucht. Finsterstes Schwarzholz, schroffes Gebirge, über und unter der Erde sterbende Flechten, Geröll, ein eisiger Wasserfall. Hier herrscht das Nichts. Beinahe schluckt die Dunkelheit den Wald. Aus ihm starren Nachtvögel auf Kaspar. Vorsichtig legt er mit Steinen auf dem Boden einen Kreis aus. In dessen Mitte ein Totenkopf. Dunst steigt auf. Unsichtbare Geister spielen ihr Spiel, bis Samiel, der Herr der Unterwelt, erscheint. Gleich schließen Kaspar und Samiel ihren Pakt. Zauberei, Fügung, Glaube und Aberglauben, wer wird geopfert, wer wird siegen? Was gilt in dieser Nacht? Ein Sturm kommt auf. Die Wolfsschlucht – ein Labyrinth aus geheimnisvollen Mächten.

X

So soll es sein! Der Wald ist ihr Zeuge. Kaspar verspricht Samiel ein neues Opfer, wenn er morgen beim Probeschuss die siebte Kugel auf Agathe lenkt. Da sie Kaspar nicht liebt, soll sie sterben und Max so zum Mörder werden. Samiel ist einverstanden. Der teuflische Pakt gilt.

Max betritt den Unort. Er will allem Schrecken trotzen, doch da tauchen Chimären vor seinen Augen auf. Ist hier etwa seiner verstorbenen Mutter Geist? Das kann nicht sein. Springt dort Agathe in den tödlichen Fluß? Das darf nicht sein.

Kaspar drängt zur Eile. Die Kugeln müssen rechtzeitig gegossen sein. Die beiden beginnen mit der Arbeit. Der Mond verfinstert sich. Ein Sturm rast über die Männer hinweg, fällt Bäume, dann Blitz und Feuer, Donner und gespenstische Gestalten: Samiels wildes Heer!

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Kugel um Kugel. Fehlt nur noch die Siebte.

Der Himmel ist schwarz, die Natur tobt, die Schlucht droht zu bersten, der Boden schwankt. Kein Entkommen aus dieser Hölle.

Kaspar ruft: „Samiel hilf!“

Sieben. Die Schicksalskugel ist gegossen. Eisiges Licht. Totenstille.

XI

Am Morgen herrliches Jagdwetter. Noch versteckt sich die Sonne hinter dem Wald. Kaspar und Max teilen die Kugeln untereinander auf. Nun ist es soweit. Auf Geheiß des Fürsten soll der Bräutigam und künftige Erbförster sogleich seine Treffsicherheit beweisen. Kaspar wähnt sich als Sieger, denn sein Plan wird aufgehen. Agathe ist so gut wie tot, und Max ihr Mörder. Die Katastrophe ist unabwendbar. Agathe indes weiß nichts von Hass und Rache. In aller Stille kniet sie im Forsthaus am Altar. Ihr Brautkleid leuchtet wie die weißen Rosen im Sommerlicht. Heute wird sie Max heiraten. Dies ist ihr Tag, aber warum kann sie sich nicht freuen. So wie die Sonne sich gerade durch die Wolken kämpft, hadert sie mit dunklen Ahnungen. Dabei will sie der Liebe doch ganz vertrauen. Und ihren Traum leben.

 

 

XII

Auch wenn Ännchen ihrer Freundin Gesellschaft leistet, es hilft nichts, Agathe fühlt sich allein und verlassen. Selbst im Forsthaus ist sie sich nicht mehr sicher. Alles wird ihr fremd. Und dann ist da noch dieser Alptraum.

„Mir träumte, ich sei eine weiße Taube.

Max zielte nach mir, ich stürzte.“

Als wüsste ihr Herz um die tödliche Gefahr, befürchtet Agathe Schlimmstes. Sogleich will Ännchen ihre Freundin ablenken und spielt ihr einen komischen Traum vor – natürlich mit Happy End, denn Träume sind Schäume! Und draußen wartet das Leben.

 

XIII

Schluss jetzt mit Träumen! Ännchen verlässt das Forsthaus. Sie will Agathes Brautkranz holen. Eile ist geboten. Die Hochzeit naht und alles wird gut werden. Sie weiß es ganz genau. Max ist nicht nur ein begehrenswerter Mann, für Ännchen ist und bleibt er der beste Schütze. Die Brautjungfern bereiten Agathe auf ihren großen Tag vor. Die Frauen schmücken sie für das große Fest. Heute wird endlich ihr Liebesglück gefeiert. Das Glück meint es gut mit ihr. Max und sie für immer vereint.

Über dem Wald blauer Himmel – endlos. Auf dem Festplatz werden die fürstlichen Jagdzelte aufgeschlagen. Hier will Max sich vor aller Augen beweisen. Gleich ist Agathe sein. Er hat es in der Hand. Die Freikugel ist ihm sicher. Doch wer kann schon Schicksal spielen.

XIV

Nun ist es soweit. Ännchen übergibt ihrer Freundin die Schachtel: „Da bin ich wieder und mit dem Kranz!“ Als Agathe aber die Schachtel öffnet, erschrickt sie fürchterlich. Darin liegt ein Totenkranz, eine silberne Totenkrone. Jetzt nur nicht zaudern. Agathe trotzt Furcht und Grauen. Schnell lässt sie aus den weißen Rosen des Eremiten ihre Brautkrone winden und setzt sie sogleich auf.

Schnell schnell. Jetzt will sie nur noch zu Max.

Alle eilen zum Wald. Der Fürst und sein Hofstaat warten bereits. Max ist ganz nervös. Wird Kaspar Recht behalten? Kann er sich sicher sein? Der Schuss muss gelingen, sonst – . Auf der Lichtung wird getafelt und die Beute gefeiert. Die Männer trinken auf die Göttin der Jagd, ihren Fürsten und des Jägers Lust.

 

 

XV

Was für ein Tag. Wunderbar warme samtene Luft. Das Fest ist in vollem Gange. Doch genug des Trubels: Max muss die weiße Taube treffen. Fürst Ottokar will endlich Kunos Tochter vermählen und gibt den Befehl zum Probeschuss:

„Schieß, Max!“

Kaspar ruft: „Samiel, hilf!“

Agathe schreit: „Schieß nicht, Max!“

Max zielt und schießt.

Die Taube fliegt auf und davon, Agathe und Kaspar fallen zu Boden. Es ist vorbei. Stille. Was nun? Gewinnen die Liebe und Gerechtigkeit oder wartet Samiel vielleicht schon auf sein nächstes Opfer? Die Sonne steigt aus den Wipfeln.