Kammermusik à la Yasmina Reza

Posted: 19. April 2018

Von Irene Diwiak

Stellen Sie sich zwei befreundete Paare bei einem intimen Abendessen vor.
Stellen Sie sich außerdem vor, diese Szene wurde von Yasmina Reza verfasst. Sollten Sie Yasmina Reza nicht kennen, können Sie sich alternativ dazu vorstellen, dass alle Beteiligten Franzosen sind, oder von mir aus Mitglieder des Wiener Bildungsbürgertums, dann aber mit einem besonders ausgeprägten Hang zum Rotwein.

Hier haben wir die Gastgeber, Frau Geige und Herrn Bratsche. Obwohl Frau Geige eine erfolgreiche Geschäftsfrau ist, lässt sie es sich nicht nehmen, selbst zu kochen. Sie orientiert sich dabei an einem Kochbuch mit ostasiatischen Rezepten, wobei sie allerdings die eine oder andere Zutat durch regionalere Alternativen ersetzt. Sie steht allzeit vor dem Burn-Out. Wenn sie sich gestresst fühlt, kann sie nichts essen, deshalb ist sie etwas zu mager, aber trotzdem noch attraktiv für ihr Alter, welches sie gekonnt verheimlicht.
Mit Herrn Bratsche ist sie schon lange liiert, so lange, dass sich ihre Physionomie, ihre Mimik und Gestik aneinander anzugleichen beginnen. Manchmal werden sie für Geschwister gehalten. Dabei hat Herr Bratsche ein ganz anderes Naturell. Zum Beispiel macht er sich nicht viel aus beruflichem Erfolg. Er arbeitet in irgendeinem langweiligen Job, der ihm allerdings ausreichend Freizeit bietet. Er hat etwas schräge, aber zeitaufwendige Hobbies wie Fliegenfischen oder Vogelhäuserbauen. Allgemein herrscht die Meinung, dass er unter der Fuchtel seiner Lebensgefährtin steht, dass sie zu Hause, nun ja, eben die erste Geige spielt. Das stimmt so aber nicht. Denn bei all seiner Unscheinbarkeit zeichnet Herrn Bratsche eine eselhafte Sturheit aus. Warum sie trotz der vielen gemeinsamen Jahre noch nicht verheiratet sind? Herr Bratsche will es nicht und Frau Geige kommt mit all ihren durchaus klugen Argumenten nicht gegen ihn an.

Dann ist da noch das andere Pärchen: Frau Cello und Herr Kontrabass. Sie kennen Frau Geige und Herrn Bratsche eigentlich nicht besonders gut, die Einladung nach Hause zum Abendessen finden sie etwas übertrieben, aber man will auch nicht unhöflich sein.
Frau Cello ist eine dieser Frauen, die sich selbst für hässlich halten, weil sie etwas übergewichtig sind. Dabei sind es gerade diese paar Kilos zu viel, die ihren Sexappeal ausmachen, das ist auch Herrn Bratsche schon aufgefallen, zugeben würde er das natürlich nicht. Zu allem Überfluss hat Frau Cello auch noch eine sehr erotische Art zu sprechen, einen kaum hörbaren, vielleicht italienischen Akzent, der nur bei einzelnen Wörtern hervorbricht, eine sehr angenehme Sprachmelodie. Hingegen kann man nur wenig über die Stimme von Herrn Kontrabass sagen, denn er spricht selten. Wenn er sich aber doch einmal dazu hinreißen lässt, etwas zu sagen, dann hat das Gesagte auch Gewicht. Frau Geige hat Gerüchte über seine Vergangenheit gehört, die vom Gefängnis über die Fremdenlegion bis hin zum Geheimdienst reichen. Optisch ist er ein Bär. Man weiß nicht so genau, wo sich Frau Cello und Herr Kontrabass kennengelernt haben. Frau Cello ist vor ihm lange Zeit mit einem entfernt Verwandten von Frau Geige liiert gewesen, einem Cousin unbekannten Grades, ebenfalls mit Namen Geige, ein vollends unscheinbarer Kerl, den man immer irgendwie übersah. Frau Cello war einige Zentimeter größer als er. Trotzdem oder gerade deswegen haben die beiden eigentlich als perfektes Paar gegolten. Aber Frau Cello liebt nun einmal das Ungewöhnliche, das Exotische, auch die Abwechslung, also hat sie ihren braven Herrn Geige nach vielen gemeinsamen Jahren für den mysteriösen Herrn Kontrabass verlassen. Jetzt ist mit ihnen zwar kein ordentliches Streichquartett mehr zu machen, jedenfalls nicht im klassischen Sinne, aber Frau Geige ist ja tolerant. Diese Frau Cello zumindest hat den Mut zu Neuem, denkt sie und sieht dabei aus den Augenwinkeln ihrem alten Herrn Bratsche dabei zu, wie er Vogelhäuser zusammenschraubt.

Wir erinnern uns, dass alle Beteiligten Franzosen sind oder zumindest rotweinaffin, also bringen Frau Cello und Herr Kontrabass einen edlen Tropfen als Gastgeschenk mit und Frau Geige sagt etwas wie: Das wäre doch nicht nötig gewesen. Zum Essen serviert sie ihren eigenen, vorbereiteten Wein, den hat sie genau auf die Speisen abgestimmt. Man spricht lange über unverfängliche Dinge. Herr Bratsche wird später behaupten, er sei nicht zu Wort gekommen, dabei hat er sich auch nicht wirklich bemüht. Herr Kontrabass schmatzt vor sich hin. Erst beim Low-Carb-Dessert und nach ein paar Gläsern Wein kommt die Sprache auf ein kontroverses Thema, den Veganismus zum Beispiel. Herr Bratsche meldet sich dann doch noch zu Wort und behauptet etwa, alle Veganer haben einen an der Klatsche. Frau Geige ist aufgebracht. Nicht, weil sie etwa anderer Meinung wäre, sondern weil sie nicht will, dass ihr Freund sich vor den neuen Bekannten die proletarische Blöße der Toleranzlosigkeit gibt. So ein Unsinn, kreischt sie, natürlich sei Veganismus sehr gesund.
Das habe er aber anders gehört, sagt plötzlich Herr Kontrabass, und weil er eben sonst nie etwas sagt, schafft er damit Tatsachen.
So ein Blödsinn, fährt jetzt Frau Cello dazwischen. Auch das nicht, weil sie etwa anderer Meinung gewesen wäre, sondern aus weiblicher Solidarität. So werden also Fronten geschaffen, obwohl in Wahrheit eigentlich alle davon überzeugt sind, dass Veganer einen an der Klatsche haben. Man sollte die Männer deswegen aber nicht für ehrlicher halten. Denn als Herr Bratsche erkennt, dass die attraktive Frau Cello mit Überzeugung auf der Seite seiner Lebensgefährtin steht, lenkt er sofort ein: Aber natürlich gilt es, unnötiges Tierleid zu vermeiden.
Und das sei eben nur möglich durch eine vegane Lebensweise, steigert Frau Cello sich immer mehr hinein.

Sie macht einem das Flirten auch nicht leicht, denkt sich Herr Bratsche.
Also bevor nicht das Leid der Menschen eingedämmt sei, brummt Herr Kontrabass dazwischen, brauche man an die Tiere gar nicht zu denken.
Frau Geige findet dieses Urteil archaisch, aber bei Herrn Kontrabass ist das irgendwie sexy. Außerdem haben ihr großgewachsene Männer schon immer gefallen.
Im Übrigen muss es gar nicht der Veganismus sein. Vielleicht reden sie auch über den Islam, die Frauenemanzipation oder worüber es gerade modisch ist zu sprechen. Es geht ausschließlich um die Dynamik. So kann es zum Beispiel sein, dass Herr Bratsche sich, da er Frau Cello beeindrucken will, einmal zu weit aus dem Fenster lehnt. Dann stellt er etwa eine Ansicht zur Schau, die die anderen drei völlig ablehnen. Hätte Herr Kontrabass es gesagt, denkt Herr Bratsche dann bitter, hätten die Damen es goutiert. Aber eine Bratsche ist eine Bratsche und ein Kontrabass ein Kontrabass, da kann man nichts machen.
Frau Cello ist als erste betrunken und versinkt im Selbstmitleid. Sie sei eine unbedeutende Hausfrau und noch dazu fett, nie könnte sie mit einer wie Frau Geige konkurrieren. Frau Geige fühlt sich geschmeichelt, aber trotzdem zu Trost verpflichtet, auch die Männer wiedersprechen, Herr Bratsche vielleicht etwas zu heftig, jetzt ist Frau Geige beleidigt. Herr Kontrabass holt den Flachmann hervor. Die Eskalation steht im Startloch. Und ob die Szene nun in einem Gemetzel endet oder in einem gemeinsamen Bett, das ist dann nur noch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Irene Diwiak wurde 1991 in Graz geboren und wuchs in Deutschlandsberg/Steiermark auf. Sie studierte Komparatistik in Wien. Bisher erschienen ihre Texte in Zeitschriften und Anthologien und wurden bereits vielfach ausgezeichnet. In «Liebwies», ihrem ersten Roman, wird eine unbegabte Sängerin gefeiert – eine talentierte Komponistin bleibt jedoch unbemerkt.

 

Kammermusik in Grafenegg
22. – 27. Mai 2018
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