Thomas Redl / fair-Magazin 2018

Vollendet unvollendet – Architektur & Kunst in Grafenegg

Posted: 29. Juli 2018

Von Franziska Leeb

Nächst dem Kremser Tor des Schlossparks von Grafenegg installierte der amerikanische Künstler Mark Dion inmitten eines Rondells mächtiger Buchsbäume den «Buchsdom Tower». In der Tradition der Follies, den bizarren Kleinarchitekturen der englischen Landschaftsparks des 18. Jahrhunderts, errichtete er eine Turmruine und arrangierte darin in einem Diorama ein verwesendes Reh auf dem Waldboden. Symbolträchtiger als mit dieser schaurig-schönen Arbeit, die Bezüge zur romantischen Gartenkunst herstellt sowie den Prozess des Kreislaufs der Natur inszeniert, hätte im Jahr 2007 der Auftakt der Reihe «Kunst im Park» in Grafenegg nicht gelingen können. Denn Verfall und Neuschöpfung kennzeichnen die Historie von Schloss und Park Grafenegg seit jeher.

 

Bis ins Mittelalter reicht die wechselvolle Geschichte des Ortes. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Schloss zu einer Vierflügelanlage ausgebaut. Sein heutiges Aussehen verdanken wir August Ferdinand Breuner-Enckevoirth, der inspiriert von englischen Schlossanlagen ab 1840 beim späteren Wiener Dombaumeister Leopold Ernst die romantisch-historistische Neugestaltung beauftragte. Der 32 Hektar große Schlosspark mit bis zu 250 Jahre alten Baumriesen zählt zu den bedeutendsten gartenarchitektonischen Denkmälern Österreichs. Ursprünglich sternförmig als barocker Lust- und Ziergarten angelegt, wurde er im 19. Jahrhundert um Elemente des englischen Landschaftsgartens erweitert und im Sinne eines Arboretums mit einer Sammlung von Bäumen aus aller Welt ausgestattet. Im 20. Jahrhundert verwilderte der Park zusehends, besonders der 2. Weltkrieg und die sowjetische Besatzung, unter der das Schloss beinahe abgerissen worden wäre, setzten der Anlage zu.

 

So grenzt es fast an ein Wunder, dass nach der völligen Verwüstung das historische Ensemble nicht nur wieder sukzessive restauriert werden konnte, sondern sich als Gesamtkunstwerk von Architektur, Landschaft und Kunst – historisch und zeitgenössisch – präsentiert. Die Basis dafür wurde bereits 1967 gelegt, als nach der Rückgabe der Anlage an die Besitzerfamilie Franz Albrecht Metternich-Sándor, der Vater des jetzigen Schlossherrn, begann, Grafenegg wiederherzustellen – unterstützt von Bund und Land Niederösterreich mit der Bedingung, es für die Allgemeinheit zu öffnen. Das geschah über Jahrzehnte mit einer Reihe von Konzertveranstaltungen oder dem jährlichen Adventmarkt, die Grafenegg zu einem beliebten Ausflugsziel machten. Den ersten Markstein zu einer Neuerfindung in ähnlich großem Stil wie jene zu Mitte des 19. Jahrhunderts gelang ab 2007, als der «Wolkenturm» einen zeitgenössischen Kontrapunkt zur historistischen Schloss- und Parkanlage setzte.

 

Eine Freiluftbühne als baulicher Rahmen für ein Musikfestival war gefragt; als Bauplatz auserkoren die «große Senke», eine Vertiefung im Gelände östlich des Schlosses. Sie nutzten the next ENTERprise Architects, Marie-Therese Harnoncourt und Ernst J. Fuchs, souverän für ein skulpturales Gebilde von fulminanter Wirkung. Geheimnisvoll kündigt es sich dem Besucher schon aus der Distanz an. «Wir arbeiten daran, alles aufzuspüren, was über das reine Funktionieren hinausführt – es ist das Wesen von Architektur, wie wir sie uns vorstellen», heißt es in ihrem Mission-Statement. Das ist ihnen auf vortreffliche Weise gelungen. Sie vertieften die Senke, um mit dem Aushub das umgebende Gelände zu modulieren. Von geneigten und ansteigenden Betonwänden flankierte Schneisen lenken vom Vorplatz durch den Rasenwall unter und zwischen den Rängen der Tribüne in die Arena.

Es ist ein sachtes, die Spannung aufbauendes Hinführen in das Zentrum des Geschehens. Sein Mittel- und Höhepunkt: die eigentliche Bühne, ein atektonisches, scharfkantiges, in die Höhe strebendes Gebilde. Hinter dem Bühnenraum verbergen sich, von außen kaum nachvollziehbar, alle Einrichtungen, derer es für einen reibungslosen Ablauf großer Konzerte bedarf. Geschmeidig gelang auch der Übergang von der Architektur ins Gelände, von dessen Anhöhen sich das Geschehen im Zentrum kaum minder gut verfolgen lässt wie von den Sitzreihen. Die Metallüberflächen des Bühnendachs reflektieren Himmel und Landschaft und sind Blickfang eines alle Sinne berührenden Gesamterlebnisses, das selbst im unbespielten Zustand wirksam ist – in bukolischer Stille und ganz im Sinne der dem Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zugeschriebenen Metapher von der Architektur als erstarrter Musik.

Auf engste Tuchfühlung mit dem Bestand geht seit 2008 das zwischen der frühklassizistischen Reithalle und der Schlosstaverne eingefügte Auditorium der Architekten Schröder Schulte-Ladbeck und Dieter Irresberger. Mit Schuberts «Unvollendeter» wurde der 1300 Personen fassende Konzertsaal, der wie der Wolkenturm in Zusammenarbeit mit dem Akustik-Guru Karlheinz Müller für optimale Klangerlebnisse gerüstet wurde, eröffnet. Proportioniert in der klassischen bewährten Rechteckform – wiewohl er kaum einen exakten rechten Winkel aufweist – fügt er sich in die unregelmäßig polyedrische äußere Hülle. Eichenholz und elfenbeinfarbener polierter Kalksteinputz prägen das helle Innere, das dank des in weiten Teilen ebenen Parketts eine Vielzahl an Nutzungsszenarien gestattet.

Multiple Nutzung gestattet auch eine weitere architektonische Intervention im Schlosspark. «Wolke 7» heißt sie, und es waren erneut the nextENTERprise, die damit das Kulturareal von einem Manko erlösten. Jahrelang war die gastronomische Infrastruktur für Freiluftveranstaltungen der optische wunde Punkt im Park. Mit einem geschwungenen Dachschirm, der sich auf zarten Stahlstützen «wie ein Blatt zwischen die Bäume legt» fügten sie den Catering-Pavillon in die Parklandschaft ein. Die zweifach gekrümmte, nur 20 cm dünne Ortbetonfläche, die den natürlichen Biegeverlauf zum konstruktiven Prinzip erhebt, ist ein Meisterwerk kreativer interdisziplinärer Kooperation zwischen Architekten und Ingenieuren.

Am Boden findet die Dachebene eine Entsprechung in einem weichen Granulatboden. Das dient der Akustik, lässt allenfalls auch fallende Gläser sanft landen und zudem verstärkt der Belagswechsel das Gefühl, einen Raum zu betreten. Durch die Führung der Theke ergeben sich Visavis, das fördert die Kommunikation. Das von allen Seiten ansehnliche Ensemble ergänzen die Barschränke und Lager bergenden Boxen. Untertags wie bei Dunkelheit ist die Bar ein faszinierender Ort der Begegnung. In unbewirtetem Zustand erfreut sie – womit wir wieder bei der Tradition der englischen Landschaftsgärten wären – als extravagantes Folly oder ganz praktisch als Rastplatz und Unterstand. Wie zuvor schon der Wolkenturm, wurde auch die «Wolke 7» mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet.

 

Ein Ausflug nach Grafenegg lohnt sich also auch außerhalb der Festivalsaison. Es lassen sich Stunden des Kultur- und Naturgenusses verbringen, das wohl größte kulturpolitische Verdienst. Das Skulpturenprogramm der «Kunst im Park» setzt sich auf vielfältige Weise mit dem konkreten Ort und seiner Geschichte auseinander, liefert aber auch Anknüpfungspunkte in die internationale Kunstgeschichte.

So zum Beispiel Werner Feiersingers leichtfüßig tänzelnde abstrakte Konstruktion aus weiß lackierten Edelstahlstangen zu dem den Künstler ein Ausstellungsdisplay von Lilly Reich und Mise van der Rohe inspirierte. Eine weitere «Parkmöblierung» stammt von der Künstlerin Bethan Huws. Ihre «Perroquets», aus Bronze nachgegossene Bistro-Garderobenständer, nahe dem Hundefriedhof, sind Resultat einer Auseinandersetzung mit den Ready-mades von Marcel Duchamp. Ihre künstliche Patina erinnert an Baumrinde. Wohl wegen der Form ihrer geschwungenen Haken heißen sie im Französischen «Papagei», womit sich weitere Assoziationsfelder auftun.

«To plant a garden is to believe in tomorrow» meinte einst die Schauspielerin Audrey Hepburn, selbst eine begeisterte Gärtnerin. Dieses Glauben an das Morgen erfüllt sich auch im Schlosspark von Grafenegg auf ganz besondere Weise. Wie jeder gut bestellte Garten entwickelt er sich weiter – nicht nur in botanischer Hinsicht.