Wie Gustav Mahler seine Osterglocken fand

Posted: 27. März 2019

Komponieren ist die Suche nach dem ungehörten, dem unerhörten Klang. Ganz besonders galt das für Gustav Mahler, der an Wiege zur Moderne stehend, nicht nur der Gattung Symphonie neue Formen abrang, sondern auch das Klangspektrum deutlich erweiterte. So fanden zum Beispiel Kuhglocken und speziell angefertigte Hämmer in seine Werke Eingang oder Instrumente wie Mandoline oder Gitarre, die gemeinhin nicht zu Orchesterehren kommen. Für den kulminierenden letzten Satz seiner «Auferstehungssymphonie», die am 18. Mai in Grafenegg vom Tonkünstler-Orchester unter Yutaka Sado zur Aufführung gebracht wird, schwebte ihm ein besonderer Glockenklang vor. In einem Brief an seine Geliebte Anna von Mildenburg beschreibt Mahler 1895 seine Fahrt zu einem alten Glockengießer:

 

[Berlin, 8. Dezember 1895]

«Ich brauche zu meiner Symphonie, wie Du weißt, am Ende des letzten Satzes Glockentöne, welche jedoch durch kein musikalisches Instrument ausgeführt werden können. Ich dachte daher von vornherein an einen Glockengießer, daß der allein mir helfen könnte. Einen solchen fand ich nun endlich; um seine Werkstatt zu erreichen, muß man per Bahn ungefähr eine halbe Stunde weit fahren. In der Gegend des Grunewald liegt sie. Ich machte mich nun in aller Frühe auf, und es war herrlich eingeschneit. Als ich in Zehlendorf, so heißt der Ort, ankam und durch Tannen und Fichten, ganz von Schnee bedeckt, meinen Weg suchte, alles ganz ländlich, eine hübsche Kirche im Wintersonnenschein fröhlich funkelnd, da wurde mir wieder weit ums Herz, und ich sah, wie frei und froh der Mensch sofort wird, wenn er aus dem unnatürlichen und unruhevollen Getriebe der großen Stadt zurückkehrt in das stille Haus der Natur.

Nach längerem Suchen fand ich die Gießerei; mich empfing ein schlichter alter Herr mit schönem weißem Haar und Bart. Alles war mir so lieb und schön. Ich sprach mit ihm, er war mir Ungeduldigem freilich etwas weitschweifig und langsam. Er zeigte mir herrliche Glocken, unter andern eine große, mächtige, die er auf Bestellung des deutschen Kaisers für den neuen Dom gegossen. Der Klang war geheimnisvoll mächtig. So etwas Ähnliches hatte ich mir für mein Werk gedacht.  Aber die Zeiten sind noch fern, wo das Kostbarste und Bedeutendste gerade gut genug sein wird, um einem großen Kunstwerk zu dienen. Indessen suchte ich mir einige etwas bescheidenere, aber immerhin meinen Zwecken genügende Glocken aus und verabschiedete mich nach einem Aufenthalt von etwa zwei Stunden von dem lieben Alten.»

Mahlers Ringen um den richtigen Klang bestimmt auch die Wahl der Besetzung seiner Zweiten Symphonie: Zwei Gesangssolistinnen und ein großer gemischter Chor prägen das abendfüllende Werk. In Grafenegg erklingt es in exquisiter Besetzung mit Daniela Fally, Elisabeth Kulman sowie mit dem Philharmonischen Chor aus Bratislava.

 

KONZERT-INFO:

SA 18 MAI 2019
18.30 Uhr │ Auditorium Grafenegg

TONKÜNSTLER-ORCHESTER NIEDERÖSTERREICH
DANIELA FALLY, Sopran
ELISABETH KULMAN, Mezzosopran
SLOWAKISCHER PHILHARMONISCHER CHOR
YUTAKA SADO, Dirigent

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 2 c-Moll für Sopran- und Alt-Solo, Chor und Orchester «Auferstehungssymphonie»

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