© Rita Newman

Thema und Variationen

Posted: 28. Februar 2020

In Anlehnung an Beethovens Diabelli-Variationen op. 120 entstand auf Initiative von Rudolf Buchbinder ein neuer Variationszyklus über den Walzer von Anton Diabelli, der Beethoven zu seinem epochalen Meisterwerk angeregt hat. Nach der Uraufführung im Wiener Musikverein präsentiert Rudolf Buchbinder die neuen Variationen elf zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten auf der ganzen Welt. Neben einer CD ist auch ein Buch über das Projekt herausgekommen: «Der letzte Walzer – 33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen.» Das im Amalthea-Verlag erschienene Buch macht im 5. Kapitel auch in Grafenegg Station und beschreibt, wie die charakteristische Verschmelzung von Tradition und Gegenwart auch auf das Projekt «Diabelli 2020» Einfluss genommen hat.

Jedem Komponisten ein Baum

Von Rudolf Buchbinder

Zwei Jahre nachdem Beethoven seine Diabelli-Variationen beendet hatte, im Jahr 1826, besuchte er seinen Bruder Johann im kleinen Ort Gneixendorf, 80 Kilometer westlich von Wien, in der Nähe von Krems. Er erhoffte sich Rekonvaleszenz von einer Hepatitis-Erkrankung. Beethoven zahlte seinem Bruder vier Gulden Unterhalt pro Tag, aber so richtig erholen konnte er sich während seines Aufenthaltes nicht. Der Name Gneixendorf erinnere ihn an eine «brechende Wagenachse», schrieb Beethoven, und als sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, überwarf er sich mit seinem Bruder und reiste Hals über Kopf ab. Auf dem Weg nach Wien fing er sich wahrscheinlich eine Lungenentzündung ein, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Auch die Menschen in Gneixendorf konnten sich nicht an den prominenten Gast gewöhnen. Sie nannten Beethoven den «närrischen und terrischen Bruder vom Gnä’ Herrn» oder den «grauperten Musikant», der es mit seiner extrovertierten Art geschafft habe, «junge Zugochsen scheu» zu machen.

Ich schreibe das, weil Gneixendorf (wo es übrigens auch heute noch ein sehr hübsches, familiär betriebenes Beethoven-Haus gibt) nur zehn Kilometer von Grafenegg entfernt liegt. Grafenegg ist jener idyllische Ort in Niederösterreich, an dem ich seit 2005 ein internationales Orchesterfestival leiten darf, bei dem sich jeden Sommer die wichtigsten Ensembles aus der ganzen Welt, große Dirigenten und prominente Virtuosen ein Stelldichein in familiärer Atmosphäre geben. Ich kenne kaum einen anderen Ort, an dem es sich entspannter musizieren und über Musik philosophieren lässt als im Schlosspark von Grafenegg. Das Schloss ist eines der bedeutendsten historistischen Bauwerke Österreichs, und der Park ist wie ein englischer Landschaftsgarten angelegt: Obwohl er wild aussieht, ist alles von einem wunderbaren Gärtner, der selbst eine Art Künstler ist, bis ins letzte Detail geplant. Mitten im Park haben wir 2007 den modernen «Wolkenturm» errichtet, eine atemberaubende Freilichtbühne aus Beton und Glas mit wunderbarer Akustik – er ist das Herzstück des Grafenegg Festivals.

Interpretationen bauen Brücken

Und natürlich ist Beethovens Musik auch in Grafenegg zu Hause. Für mich als Pianist, aber auch als künstlerischer Leiter, ist die Interpretation klassischer Werke so etwas wie eine Brücke, die von der Gegenwart in die Vergangenheit führt. Während die Partituren gleich bleiben, verändert sich unsere Gegenwart kontinuierlich, und damit auch unser Blick auf die Vergangenheit. Jede Generation muss sich erneut die Frage stellen, wie sie auf einen Giganten wie Beethoven blickt. Was interessiert uns an seiner Musik? Finden wir in seinen Partituren, was unsere Vorgänger vielleicht nicht gefunden haben, weil es sie nicht interessiert hat oder weil sie es übersehen haben? Letztlich sagen unsere Aufführungen wohl mehr über unsere eigene Zeit aus als über Beethoven und dessen Epoche. Aber ist das nicht immer so mit der Geschichte? Dass jede Generation eine neue Erzählung der Vergangenheit braucht? Hat nicht jede Generation einen eigenen Blick auf Napoleon, auf Bismarck oder auf Beethoven? Ist Geschichte nicht immer auch die Ordnung der Gegenwart durch den Blick auf die Vergangenheit?

Mir war es auf jeden Fall immer wichtig, auch als Musiker, stets mit einem Bein in unserer Zeit zu stehen. Schon früh habe ich Werke von Gottfried von Einem oder Gerhard Wimberger uraufgeführt. Und natürlich war es mir ein Anliegen, die musikalische Gegenwart auch in Grafenegg zu verankern: Seit 2007 laden wir jeden Sommer renommierte Komponisten ein, Werke für Grafenegg zu schreiben und mit jungen Kollegen zu arbeiten.

Globalisierung einer Idee

Vielleicht hat mich dieser Umstand auch dazu inspiriert, das Projekt Diabelli 2020 in Angriff zu nehmen und die Idee zu verfolgen, Gegenwartskomponisten zu bitten, sich Diabellis Walzer noch einmal vorzunehmen – und eigene, neue Variationen zu schreiben. So konnte sich jener Kreis schließen, der sich geöffnet hatte, als wir – inspiriert von meinem wunderbaren Lehrer Bruno Seidlhofer – Beethovens Diabelli-Variationen und die 50 Variationen des «Vaterländischen Künstlervereins» aufgeführt haben. Mir war klar, dass eine erneute Auseinandersetzung mit Diabelli zwei weitere Kategorien integrieren muss: den Abgleich Beethovens und seiner Zeit mit unserer Gegenwart, und die Internationalisierung, ja Globalisierung der Diabelli-Idee.

Je mehr ich über das Projekt Diabelli 2020 nachgedacht habe, desto spannender erschien es mir. Schließlich treten die Gegenwartskünstler nicht nur in einem spielerischen Wettstreit untereinander an, sondern messen sich gleichsam auch an Beethovens Umgang mit Diabellis Walzer und mit den 50 Komponisten-Kollegen, die sich vor 200 Jahren der gleichen Aufgabe gestellt haben. Die Idee von Diabelli 2020 öffnete also plötzlich Zeit und Raum für Diabellis alten Walzer vollkommen neu.

Dass wir gerade in der niederösterreichischen Idylle Grafenegg seit jeher international denken, war für mein weiteres Vorhaben durchaus hilfreich – immerhin hatten wir bereits Komponisten aus Mitteleuropa, Osteuropa, den USA, China und sogar Australien nach Grafenegg eingeladen. Musiker, die ich in ihrer Arbeit mit jungen Kollegen, aber auch vor Ort mit ihren Uraufführungen, intensiv kennenlernen durfte.

Grafenegger Komponisten-Riege

2009 gelang es uns, das chinesische Ton-Genie Tan Dun nach Niederösterreich zu holen. Tan Dun begeistert mich nicht nur als Musiker, sondern auch als Cineast. Im Jahr 2000 bekam er sowohl einen Grammy als auch einen Oscar für die Musik zu Ang Lees Kinoklassiker Crouching Tiger, Hidden Dragon. Es ist vielleicht nicht unwesentlich, dass Tan Dun sich in seiner ersten Oper bereits dem Reisen und der Entdeckung ferner Kulturen verschrieb, als er Musik über Marco Polo komponierte. Und auch hier bin ich ein bisschen stolz darauf, dass wir in Grafenegg die Auftraggeber eines sehr besonderen Konzertes waren, das vom Tonkünstler-Orchester sowie renommierten Schlagzeugern uraufgeführt wurde und aus Anlass von Gustav Mahlers 150. Geburtstag entstand. Es trägt den zugegeben etwas komplexen Titel Earth Concerto for ceramic instruments and orchestra to commemorate the 150th anniversary of Gustav Mahler’s birth. Es gehört übrigens zur Tradition, dass Residenz-Komponisten in Grafenegg einen Baum im Schlosspark pflanzen. Tan Dun entschied sich für einen Taschentuchbaum.

Im Jahr 2013 haben wir einen Australier als Composer in Residence gewinnen können: Brett Dean kenne ich noch als Bratschisten der Berliner Philharmoniker. Erst 1999 machte er sich als Komponist selbstständig. Auch Deans Musik schafft den Spagat von Avantgarde und Neudenken zu Unterhaltsamkeit und Schönheit. Seine dynamisierten Klangflächen aus differenzierten, rhythmisierten Einzelstimmen, die zwischen den Extremen des Ausdrucks pendeln, begeistern mich sehr. Und als Musikant schmunzle ich natürlich über seine Schlagwerk-Kompositionen, die er mit allerhand Alltagsgegenständen in Szene setzt. Vor allen Dingen aber habe ich Brett Dean in Grafenegg als unendlich freundlichen und einfühlsamen Lehrer kennengelernt, der den Workshop mit den jungen Musikern sehr ernst genommen hat. Vielleicht ist es sinnfällig, dass dieser vollkommen uneitle Musiker und Mensch eine schmalblättrige Esche in den Park von Grafenegg gepflanzt hat.

2014 kam einer der wohl weltweit besten Klarinettisten nach Grafenegg: Jörg Widmann. Ich bewundere diesen Musiker sehr, denn parallel zu seiner Virtuosität als Solist hat er sich auch als Komponist international durchgesetzt, und mir gefällt die unglaubliche Vielfalt und die Lust am Experiment in seinen Kompositionen. Widmann hat in Grafenegg übrigens eine Winterlinde gepflanzt.

2017 war es der US-Amerikaner Brad Lubman, der uns in Grafenegg besucht hat und hier eine Trauerweide pflanzte. An Lubman interessiert mich nicht nur seine Arbeit als Dirigent und Komponist – ich finde es spannend, wie er mit seinem Ensemble Signal zeitgenössische Musik in den USA mitten in die Gesellschaft stellt.

Beethoven selbst war nie in Grafenegg, und in Gneixendorf, ganz in der Nähe, ist er nicht wirklich glücklich geworden. Aber ich bin sicher, ihm hätte es bei uns gefallen: ein Ort mitten in der Natur, der sich anfühlt wie die sechste Symphonie, ein Ort des musikalischen Austausches – und ein Ort, an dem sich immer wieder die Vergangenheit mit der Gegenwart trifft. Die Residenz-Komponisten, die wir in Grafenegg empfangen konnten, sind vielleicht eine Keimzelle des Projektes Diabelli 2020 gewesen, und ich persönlich frage mich jeden Sommer in Grafenegg aufs Neue, welchen Baum Beethoven wohl im Schlosspark gepflanzt hätte, wäre er je bei uns zu Gast gewesen.

 

Rudolf Buchbinder

DER LETZTE WALZER

33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen

192 Seiten, € A/D 25,–

ISBN 978-3-99050-173-3

amalthea.at