Wer gibt den Ton an?

Posted: 9. September 2020

Es gehört wie das Amen zum Gebet: Das Stimmen des Orchesters vor einer Probe oder einem Konzert. Im Grafenegger Auditorium werden die Instrumente des Tonkünstler-Orchesters das nächste Mal am 3. Oktober für Musik von Beethoven und Prokofjew gestimmt. Anmerkungen zum Beginn von Konzerten an sich anlässlich des Starts der neuen Schlossklänge-Saison.

Von Ariane Fiala

Ein Orchester betritt die Bühne, aber noch bevor der Dirigent oder die Dirigentin mit einer Armbewegung dem Orchester zu verstehen gibt, das Stück zu beginnen, ereignet sich ein Ritual: das Orchester stimmt.

Was bedeutet das jedoch, und warum hat die Oboe dabei eine tragende Rolle?

Kurz gesagt, ist der Kammerton oder auch Stimmton ein als einheitlicher Bezugspunkt verwendeter Ton, auf den sich das Orchester auf derselben Frequenz einstimmt. Heutzutage ist der allgemein verwendete Kammerton das eingestrichene a.

A oder C?

Der Kammerton kann auf eine wechselhafte und turbulente Vergangenheit zurückblicken. Nicht nur war der zu wählende Ton an sich Streitpunkt, sondern auch die Frequenz desselben. Im 16. Jahrhundert und später in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand der Vorschlag, den Kammerton auf das eingestrichene c festzulegen, zunehmend Fürsprecher. Erst als im Jahre 1939 die bis heute letzte internationale Stimmtonkonferenz, die von der International Federation of the National Standardizing Associations in London durchgeführt wurde, stattfand, wurde eine Norm für die Kammerton-Frequenz von 440 Hz auf den Ton a1 (eingestrichenes a) erstellt. Dass diese Norm nur eine Empfehlung ist, zeigt sich daran, dass zum Beispiel in deutschen und österreichischen Orchestern 443 Hz üblich ist.

Während Streicher ohne große Mühe höher oder tiefer stimmen und sich so an unterschiedliche Kammertöne anpassen können, gilt dies nicht zu gleichem Maß für Holzbläser. Der Bau der Instrumente verhindert eine Veränderung über 3-4 Hz nach unten oder oben. Auch der unterschiedliche Ansatz beziehungsweise die Spielweise sind Faktoren.

In Orchestern wird der Stimmton zu Beginn einer Probe oder eines Konzerts von der Oboe angegeben und vom Konzertmeister abgenommen, der ihn an die restlichen Orchestermitglieder übergibt. Wieso gebührt der Oboe diese überaus wichtige Rolle in der Orchesterstruktur?

Oberton-Königin Oboe

Bei jedem Ton der Oboe schwingen in sehr ausgeprägter Form die Obertöne (alle mitklingenden Töne neben dem Grundton) mit – speziell der 3., 4. und 5. Oberton. Das macht den Klang der Oboe im Vergleich zu anderen Instrumenten besonders deutlich hörbar. Aus diesem Grund hat es sich seit dem 19. Jahrhundert eingebürgert, dass die Oboe den Kammerton zum Einstimmen angibt und sich das übrige Orchester nach diesem zu richten hat.

Nicht nur nimmt die Oboe eine einzigartige Rolle im Orchester ein, sie sticht außerdem unter allen anderen Instrumenten hervor. Neben dem Horn zählt sie als ein schwierig zu erlernendes Instrument. Die Oboe ist eine Wissenschaft für sich, die sich vor allem am Mundstück – dem Doppelrohrblatt – zeigt. Wenn das Rohr sowie die Spielweise beherrscht werden, erklingt die Oboe heutzutage mit einem bezaubernden, weichen Klang und ähnelt nicht im Geringsten dem Klang einer Ente, den Sergej Prokofjew in «Peter und der Wolf»“ für sie vorgesehen hat.

Achten Sie bei Ihrem nächsten Konzertbesuch auf die interessante und komplexe Orchesterstruktur.

Konzert-Tipp:

BEETHOVEN & PROKOFJEW

Auditorium

Tonkünstler-Orchester
AlexanderSitkovetsky, Violine
Yutaka Sado, Dirigent

SERGEJ PROKOFJEW
Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19

LUDWIG VAN BEETHOVEN
Symphonie Nr. 1 C-Dur op. 21

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